TauschOase Schöneberg

Die Tauschoase ist ein Tauschring, in denen im Rahmen der Nachbarschaftshilfe Dienstleistungen und Waren aller Art (und ohne Geld!) angeboten wird. September 1996 wurde in Verbindung mit der Kiezoase die TauschOase Schöneberg gegründet und begann mit den ersten Aktivitäten im Januar 1997. Wir bestehen derzeit (Januar 2007) aus 119 Mitgliedern (etwa 75% Frauen, der Altersdurchschnitt liegt bei 40, wobei von 26-60 Jahren fast das ganze Spektrum abgedeckt ist). Fast alle Mitglieder kommen direkt aus dem Berliner Stadtteil Schöneberg.


Wer bei uns mitmachen möchte, muss zunächst Mitglied werden. Nach einer schriftlichen Beitrittserklärung werden 12 Euro Jahresgebühr gezahlt und schon kann es beginnen. Wir haben eine fiktive Währung, die wir Klunker nennen. Dabei gehen wir als Richtwert davon aus, dass einer Stunde Arbeit etwa 20 Klunker entsprechen (Beispiel: für eine einstündige Fahrradreparatur gäbe es 20 Klunker). Jeder erhält ein Konto, und wie bei einer Bank können dort für erbrachte Leistungen Klunker "eingezahlt" und für in Anspruch genommene Leistungen Klunker "abgebucht" werden. Warum heißt es denn eigentlich Tauschring? Nun, es wird normalerweise nicht direkt getauscht (1 Stunde Babysitten gegen ein Ikea-Regal), sondern es bildet sich ein Kreis. Ulla hasst den Wohnungsputz und holt sich Heiner dafür, der das gerne macht. Heiner hat keine Ahnung von EDV und fragt Christine, die seinen Computer repariert. Christine braucht für einen Transport ein Auto, das Heiner nicht hat, das sie sich aber von Ulla ausleihen kann. So hat sich der Kreis geschlossen. Klingt jetzt ein klein wenig kompliziert, aber in der Praxis ist das wirklich ganz einfach.

Angeboten werden Arbeiten und Dienstleistungen aller Art und gelegentlich Waren. Hier ein kleiner Auszug aus unserem "Sortiment": Haare schneiden, Umzugshilfe, Schreibarbeiten, Regalverkauf, Babysitting, Kinderkleidung, Nachhilfe, Tierbetreuung und vieles mehr. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Die Angebote und die Gesuche erscheinen monatlich in einer Zeitung. Diese Zeitung ist in unserem Büro oder im Kiezcafe am Tresen erhältlich. Zusätzlich wir sie auch im Internet auf unserer Tauschring-Seite veröffentlicht und auf Wunsch per Email versandt. Anzeigen selbst können auf verschiedene Art aufgegeben werden: am Telefon, per Email oder Post, am Tresen des Kiezcafes oder persönlich in unserem Büro während der Sprechzeiten (und im Briefkasten). Zusätzlich gibt es in unregelmäßigen Abständen ein Tauschtreffen. Das ist vergleichbar mit einem Flohmarkt, aber auch einfach nur ein lockeres Treffen. Dort wird hauptsächlich in Klunkern bezahlt, wobei Nichtmitglieder Sachen auch mit "Normalgeld" erstehen können.

Warum macht jemand bei einem Tauschring mit?

  • aktive Beteiligung am Zusammenleben im Schöneberger Kiez und damit Bereicherung des Wohn- und Lebensumfelds
  • Stärkung nachbarschaftlicher Strukturen
  • Belebung von Kommunikation, Kontaktpflege und Kontaktaufbau
  • die Möglichkeit, sich Sachen oder Dienste zu leisten, die sonst nicht möglich wären
  • teilweise Unabhängigkeit vom Geld
  • Verbesserung der Versorgungslage
  • Förderung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und brachliegenden individuellen Ressourcen
  • Erweckung von Einfallsreichtum, Entfaltung eigener Talente, schöpferischer Kraft und Phantasie
  • Stärkung individueller potentieller Möglichkeiten
  • ökologische Aspekte (Tauschen statt Kaufen, Güter gemeinsam nutzen, kurze Transportwege)
  • teilweiser Rückzug aus dem traditionellen Geldsystem
Bei uns könnt Ihr erfahren, dass jeder einzelne als ganzer Mensch über eine Vielzahl an Erfahrungen und Fertigkeiten verfügt, die von anderen gebraucht werden. Vertrauen und überschaubare soziale Netze bieten einen "geschützten Raum" und vermindern Angst, Isolation und Vereinsamung. Diese Sicherheit kann eine Versicherung ersetzen (man weiß, nicht nur in Notfällen, wer helfen kann). Intakte Nachbarschaften und neue Beziehungsgeflechte können neue Handlungsspielräume freisetzen, fördern Lebensfreude und soziale Handlungskompetenz. Die Fähigkeiten, miteinander und auch mit Konflikten umzugehen, werden gestärkt und die gesundheitliche Stabilisierung und Selbsthilfepotentiale wird mobilisiert.

Unser Tauschring ist basisdemokratisch organisiert und verwaltet sich selbst. Wir haben keine Vorsitzenden, keinen Kassenwart, keinen Pressesprecher und auch sonst keine Personen, die Ämter bekleiden. Jede(r) ist selbst ein Teil des Tauschrings mit allen Rechten (und natürlich auch kleinen Pflichten). Wir haben zwar auch ein "Regelwerk",verlassen uns aber bei allen Kontakten auf ein gegenseitiges Vertrauen und auch auf den gesunden Menschenverstand. Entscheidungen werden über die MitarbeiterInnen der Bürogruppe oder über unsere Mitgliederversammlung getroffen. Ein Bestehen der TauschOase wird nur durch eine aktive und regelmäßige Mitarbeit unserer Mitglieder ermöglicht.

Die ersten tauschringähnlichen Organisationen sind in den Wirtschaftskrisen in den zwanziger und dreißiger Jahren in Europa und den USA entstanden. Als Geburtsstunde der heutigen Form von Tauschringen gilt das Jahr 1979, wo in Kanada die LETS (Local Exchange Trading System) gegründet wurde. Tauschringe in Deutschland gibt es erst seit Beginn der neunziger Jahre. Derzeit sind über 350 davon verzeichnet. Von nur wenigen Einzelpersonen bis zu großen Tauschringen mit 1500 Mitgliedern ist hier alles vertreten, wobei unser Tauschring eher zu den Mittelgroßen zählt und im Berliner Bereich einer der "Großen" ist.

Tauschringe sind offen für alle und bilden dadurch eine bunte soziale Mischung. Als soziale Netze fördern sie die Verantwortung für die Gemeinschaft und demokratisches Verhalten und machen eine Wiederaneignung der sozialen und ökonomischen Räume möglich. Es wird eine neue Form des Gemeinwesens geübt, die gerade auch Schwächere in der Gemeinschaft stützt. Eigen- und Mitverantwortlichkeit, Gleichberechtigung und Mitbestimmung in offenen Organisationsstrukturen ermöglichen auch die Einübung in politisches Handeln.

Für die weitere Zukunft ist ein kleines, aber beständiges Wachstum geplant. Wir möchten den Bereich Öffentlichkeitsarbeit ausdehnen, unsere Bürogruppe stabilisieren und erweitern und auch wieder häufiger ein "Tauschfest" veranstalten. Eher langfristig ist an eine Zusammenarbeit mit den Bezirken oder mit Betrieben gedacht, wie es schon einige Tauschringe verwirklicht haben. Viel wichtiger als eine Vergrößerung ist uns aber weiterhin der harmonische Umgang miteinander und eine Stabilisierung und Etablierung unserer bestehenden Gruppe.